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Halsstarrig und unflexibel? – Die Rituale der Alten

Da wollen wir die Oma spontan zu einem Ausflug einladen, um ihr ein bisschen Abwechslung vom alltäglichen Trott zu verschaffen. Und die Antwort lautet: „Nein! Nicht vor 13:30 Uhr. Vorher gibt es Mittagessen, und danach lege ich mich immer für eine halbe Stunde hin. Also besser nächste Woche. Dann kann ich mich auch darauf einstellen.“

Das kann doch nicht wahr sein! Wie kann man nur so unflexibel sein? So oder so ähnlich denken wohl viele Angehörige, wenn sie milde kopfschüttelnd über die unumstößlichen Gewohnheiten ihrer Familienmitglieder im fortgeschrittenen Seniorenalter nachdenken.

Dabei ist es erwiesen, dass Rituale gerade älteren Menschen Sicherheit und Orientierung geben. Wenn die Aufnahme- und Analysefähigkeit des Gehirns im Alter abnimmt, wie sie das bei den meisten von uns nach und nach tut, schaffen Rituale einen festen Rahmen, in dem Senioren sich zurechtfinden können.

Im Frühstadium unterschiedlicher Demenzformen zeigt sich bei den meisten Betroffenen ein abnehmendes Zeitempfinden und ein Nachlassen der Fähigkeit, die Uhrzeit ablesen zu können. Feste Alltagsrituale können diesen Umstand über längere Zeit ausgleichen.

Es bedarf aber gar nicht unbedingt eines pathologischen Befundes, um die Rituale im Seniorenalter zu erklären. Viele Faktoren spielen eine Rolle. Häufig wurde eine deutlich reizärmere Erziehung als heute üblich verinnerlicht. Das uns bekannte „schnell, neu, weiter, besser“ ist vielen Menschen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration fremd geblieben. Viele Senioren identifizieren sich vielmehr mit traditionellen Werten wie Fleiß und Bescheidenheit anstatt mit modernen Lebenszielen und -inhalten wie Selbstverwirklichung und Erlebnisreichtum.

Neben den täglichen, strukturierenden Ritualen legen viele Senioren auch großen Wert auf periodisch wiederkehrende Rituale wie Kirchenfeste, Geburtstage oder andere Jahrestage. Auch diese unterstützen die zeitliche Strukturierung und steigern das Wohlbefinden, denn sie sind häufig mit positiven und emotional wertvollen Erinnerungen verknüpft, die durch die Wiederholung des Rituals quasi reaktiviert werden.

Dabei sind Rituale kein Monopol der Alten. Aus entwicklungspsychologischer Sicht sind sie für Kinder emotional und kognitiv enorm wichtig. Rituale helfen Vertrauen aufzubauen und Strukturen zu erkennen. Sie können als Initiationsritus genutzt werden, wie zum Beispiel die Schultüte, das Taschengeld oder das erste Feriencamp.

Rituale helfen uns, ein stabiles Wertesystem aufzubauen und uns auf Wesentliches zu konzentrieren.

Wenn also Oma das nächste Mal den wöchentlichen Handarbeitstreff Ihrem Besuch vorzieht, nehmen Sie es nicht persönlich. Sie zeigt sich damit weiser, als man es auf den ersten Blick vermuten mag.

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